Hier der ungekürzte Bericht „Erlebnisse aus der Jugendzeit unseres Nachkriegsbürgermeisters“ aus Heft 41 Asendorf.info

7. September 2015

Begegnung amPastorenknick

Johann Gräpel wurde am 14. 12.
1894 geboren und ist in Steinborn
aufgewachsen. Nach seinem Tod am
27. 12. 1993 fanden die Nachkommen
neben seinem handschriftlich ge-
führten Kriegstagebuch aus dem Ers-
ten Weltkrieg auch viele andere alte
Erinnerungsstücke. Hierzu gehörten
auch von ihm notierte Jugenderleb-
nisse, die er oft in plattdeutsch auf-
geschrieben hat. Wegen der besseren
Lesbarkeit haben wir sie ins Hoch-
deutsche übertragen.

Eine Geschichte davon soll hier wiedergegeben werden – es geht um ein Erlebnis, welches er auf dem Weg zur Schule hatte:
„Es war im Herbst 1908 – ich ging das letzte Jahr zur Asendorfer Schule. Auf Grund der Jahreszeit war es noch ein klein wenig dunkel an diesem Morgen. Mein Schulweg führte, wie an jedem Tag, an der Hecke des Pastorenhauses entlang. Genau hier kam mir ein Mann mit einem Fahrrad entgegen. Er schob dieses Rad. Da wir uns auf einem schmalen Pfad begegneten, musste er dicht an mir vorbei. Zu der Zeit führte dort noch keine breite Straße entlang. Es gab nur diesen Padweg (Fuß- und Radweg) und davon durch dicke Pfähle abgetrennt den Weg für Fuhrwerke. Die dicken Pfähle verhinderten hierbei, dass Fuhrwerke den Padweg beschädigten. Als dann der Mann mit seinem Fahrrad an mir vorbei war, blieb ich stehen und schaute mich zu ihm um. Ob er dies bemerkt hatte oder auch nicht, sei dahin gestellt. Auf jeden Fall blieb auch er stehen und drehte sich so halb nach mir um. Dadurch war es mir möglich, sein Gesicht länger zu sehen und mir einzuprägen, wie er angezogen war. Denn zu der Zeit war es ungewöhnlich einem fremden Mann hier im Ort mit einem Fahrrad anzutreffen, welches dann auch noch von ihm geschoben wurde. Besitzer eines Fahrrades zu sein, war in der damaligen Zeit außergewöhnlich und etwas ganz besonderes. Nur wenige aus dem Ort konnten ein Fahrrad ihr eigen nennen.
Als ich in der Schule ankam, erzählte ich mein gerade gesehenes und erlebtes den Klassenkameraden. Von denen konnte ich dann noch mehr erfahren – denn sie hatten bereits gehört, dass in Asendorf ein Fahrrad gestohlen und die Polizei bereits informiert worden war. Sie suchte den Fahrraddieb bereits.
Am nächsten Tag, wieder in der Schule, machte die Meldung die Runde, wonach die Polizei einen Mann festgenommen hat, den sie des Diebstahls verdächtigte. Auch meine Begegnung am Vortag, wobei ich den Fahrraddieb womöglich gesehen hatte, war der Polizei bekannt geworden. Während der dritten Schulstunde klopfte es dann plötzlich an der Klassentür. Unser Schulmeister Ehlers öffnete die Tür, trat hinaus und sprach mit einer Person auf dem Flur. Als unser Schulmeister Ehlers wieder ins Klassenzimmer trat, sprach er: „Johann, du musst mal rüber gehen. Im Gasthaus Hoopmann wartet jemand auf der Diele auf dich. Der möchte sich mit dir unterhalten.“ Im ersten Moment war ich erschrocken und wusste nicht welchen Grund das haben sollte. Trotzdem ging ich, wie mir befohlen, rüber zum Gasthaus Hoopmann. Auf der Diele erwartete mich der Polizist – oder wie wir damals sagten, der Gendarm aus Hoya. Er befragte mich nach dem Mann, den ich mit dem Fahrrad schiebend gesehen hatte. Ich konnte ihm präzise Auskunft geben. Schilderte ihm genau, was ich gesehen hatte, beschrieb ihm detailiert das Gesicht des Mannes, was der Mann angehabt hatte und wie seine Hose auffällig gestreift war. Ich merkte, dass der Gendarm mit meiner Aussage sehr zufrieden war. Scheinbar passte meine Aussage genau zu dem Mann, den er festgenommen hatte. Er ließ nicht unerwähnt, dass wir mit der Post noch eine Vorladung ins Gericht nach Hoya bekommen würden. Dort müsste ich alles noch einmal dem Richter erzählen. Nachdem der Gendarm alles notiert hatte, forderte er mich auf, jetzt wieder in den Unterricht zu gehen. Wieder zurück im Klassenraum wollten natürlich alle Mitschüler von mir wissen, was denn da auf der Diele von Hoopmanns Gasthaus gewesen war. Ich erzählte von meinem Gespräch mit dem Hoyaer Gendarm und von der Aussicht noch ins Gericht nach Hoya zu müssen.

Tatsächlich bekamen wir einige Wochen später einen Brief mit der Aufforderung, zum Gerichtstermin beim Amtsgericht in Hoya zu erscheinen. Am Tag der Gerichtsverhandlung musste ich bereits früh aufstehen. Von der Schule war ich an diesem Tage befreit. Zusammen mit meinem Opa trat ich die Bahnfahrt von Asendorf nach Hoya an. Die Freude über die Bahnfahrt war auf meiner Seite. War doch bisher die längste Bahnfahrt bis Vilsen und zum Brokser Markt gewesen. Diesmal ging es bis nach Hoya! Im Zug saßen wir nicht allein. Es waren noch weitere Personen im Zug, Körmanns Mutter – die Gastwirtin, Lüllmanns Vater – der Schuhmachermeister, der Bahnschaffner Schröder und der Bahnhofswirt Hasselbrack. Alle hatten eine Aufforderung vom Gericht erhalten. Auf der Bahnfahrt entwickelte sich eine rege Unterhaltung unter den Erwachsenen. Alles dreht sich darum, was bei der Gerichtsverhandlung wohl rauskommt. Ob der Dieb verurteilt wird, ob und wie lange er ins Gefängnis muss – viele Spekulationen machten die Runde.
Als wir in Hoya ankamen, hatten wir noch eine Stunde Zeit bis zum Gerichtstermin. Die wurde genutzt, um im Wirtshaus Thies in Hoya zu frühstücken. Nach dieser Stärkung gingen alle gemeinsam über die Weserbrücke zum Amtsgericht. Hier warteten wir auf dem Flur, vor dem Gerichtszimmer. Ein Gerichtsdiener lief über den Flur, sprach meinen Opa an, den er scheinbar kannte und fragte ihn: „Wat mauckst du denn hier? Och – de Junge is dorbie – wat het de denn utfreten?“ Mein Opa hat ihn dann erst einmal über den Sinn und Zweck unserer Anwesenheit aufgeklärt.
Inzwischen öffnete sich die Tür zum Gerichtszimmer und der erste von uns wurde aufgerufen.
Nach und nach wurden alle aufgerufen – ich war als letzter Zeuge dran. Ich musste mich vor den Richtertisch, der eine Stufe höher war, hinstellen und hatte in meinem Blickfeld auch den Angeklagten. Es war der Mann, den ich seinerzeit an der Pastorenhecke mit dem Fahrrad gesehen hatte. Der Richter gab mir vorweg eindringlich zu verstehen, dass ich vor Gericht die Wahrheit sagen muss. Wenn ich allerdings die Unwahrheit sage, ich selbst ins Gefängnis kommen kann. Das hatte ich verstanden und danach ging die Befragung los. Alle Fragen des Richters beantwortete ich wahrheits gemäss. Er war sichtlich zufrieden mit meiner Aussage. Weitere Zeugen waren nicht vorhanden, so zog sich das Gericht zur Beratung ins Richterzimmer zurück. Es dauerte eine ganze Weile bis wir wieder ins Gerichtszimmer gerufen wurden. Jetzt verkündete der Richter das Urteil. Der Angeklagte wurde für schuldig befunden wegen Fahrraddiebstahl, Hausfriedensbruch und Widerstand gegen die Staatsgewalt. Er wurde mit Gefängnis bestraft und sogleich nach der Urteilsverkündung abgeführt.
Nachdem mein Opa dann noch vom Gerichtsdiener die Auslagen für Bahnfahrt und Frühstück erhalten hatte, traten wir die Heimfahrt mit der Einsenbahn an. Erst spät am Abend trafen wir wieder in Asendorf ein. Damit ging ein aufregender Tag zu Ende. Die Erlebnisse im Gericht musste ich noch oft erzählen. Meine Klassenkameraden meinten sogar, dass ich sicherlich eine ordentliche Belohnung vom Gericht bekommen hätte – aber mit einer Belohnung war da nichts – nur unsere Auslagen waren ersetzt worden.
Vielleicht waren diese Erlebnisse Ursprung und Auslöser dafür, dass ich als Erwachsener Bürger lange Zeit als Schöffe im Gericht mitgewirkt habe.“

Eine Erzählung von Johann Gräpel

Hier der ungekürzte Bericht „Unsere Amerikafahrer Teil 2“ aus Heft 40 Asendorf.info

21. Mai 2015

Im August 1973 besuchte Friedrich Dunekacke Asendorf, das er im Juli 1923 zusammen mit seinen Eltern, Dietrich Dunekacke und Sophie Mahlstedt, und seinen vier jüngeren Geschwistern in Richtung Vereinigte Staaten verlassen hatte. Dietrich Dunekacke mußte seinem Schwager auf der Pachtstelle weichen und sah in der Inflationszeit keine Auskommensmöglichkeiten in Asendorf und Umgegend. Wie viele andere Deutsche hatte sich die Familie Dunekacke in Nebraska – zunächst bei einem Onkel, Friedrich Meyer – angesiedelt, um dort Landwirtschaft zu betreiben. Schon nach sechs Jahren bewirtschaftete die Familie erfolgreich eine eigene Farm mit etwa 160ha Fläche. Friedrich hatte bereits 1941 in Elk Creek (NE 68348) selbst eine Farm mit etwa 130ha. Neben der Rindermast wurden Weizen und Mais angebaut. In Elk Creek hatten sich im übrigen schon Ende des 19. Jahrhunderts Deutsche angesiedelt (Johann Hermann Antholz, geb. 1856 in Graue), wie die Grauer Dorfchronik von Heinrich Meinke und Rudolf Haseler (Seite 56) ausweist.

Friedrich heiratete Ende der 40er Jahre die ebenfalls deutschstämmige Laura Lillich, mit der ein brieflicher Kontakt bis zu ihrem Tode bestand. Auf dem Foto aus der damaligen Kreiszeitung vom 16. August 1973 ist Hartmut Mahlstädt zu sehen, der Sohn von Hilde und Heinrich Mahlstädt, die diesen Zeitungsausschnitt und die Erinnerungen daran aufgehoben haben. Hilde und Hartmut Mahlstädt haben noch Kontakt zu den Kindern, aber nicht regelmäßig. Friedrich hatte drei Söhne: Tom, Bob und Joel. Joel war noch 2006 in Deutschland. Der jüngste Bruder von Friedrich, Arnold, hat eine Tochter, Jane, die sogar für ein Jahr in Deutschland zur Ausbildung war. Sie schreibt regelmäßig und war nicht nur einmal in Deutschland. Ob diese familiären Kontakte in die nächste Generation weitergetragen werden, bleibt offen.

Friedrich Hünecke war bereits vor dem ersten Weltkrieg in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Bei Dietrich Thies aus Brebber, dessen Großmutter Sophie eine Schwester Friedrichs war, sind fünf Briefe von Friedrich Hünecke und einer seiner Schwester Elise nach Friedrichs Tod 1928 erhalten, die zwischen 1911 und 1928 an die Verwandten in der Heimat geschrieben wurden. Sie sind nicht nur Dokumente der engen Verbundenheit mit Familie und Heimat, sondern auch der Loyalitätsprobleme, die die deutschstämmigen Amerikaner im ersten Weltkrieg hatten, ein Problem, das wir auch aus heutigen Tagen bei Migranten in Deutschland gut kennen.

In seinem ersten Brief aus Vassar (Kansas 66543 am Pamona Lake) vom 24.Februar 1911 schreibt Friedrich: „ Eure Briefe haben wir erhalten, und wenn Ihr denkt daß wir uns dazu nicht freuen, dann seidt Ihr schief gewickelt.“ Er bedauert, dass noch kein Foto von der Familie geschickt worden ist und dass nur Briefe die neuesten Nachrichten aus der Heimat bringen. Er hat schon ein Telefon, ahnt aber, dass in Deutschland so etwas nicht so schnell zur Verfügung stehen wird.

Sein Verwandter Willy hat wohl seinen Hof in seinem vorherigen Brief beschrieben. Daher schildert Friedrich ausführlich seinen Viehbestand: 48 fette Schweine (100-120kg schwer), deren jedes etwa 100$ oder 60 Reichsmark wert sei, 12 Sauen mit 32 Herbstferkeln, 10 Pferde und zwei Maulesel, 36 Kühe und einige Ochsen, außerdem Kleinvieh. Für deutsche Verhältnisse zur damaligen Zeit ein großer landwirtschaftlicher Betrieb. Elise berichtet im letzten erhaltenen Brief aus Offerle (Kansas 67563) 1928 von der Landwirtschaft, davon daß über 200ha Weizen bewirtschaftet, daß Rinder, aber keine Schweine gemästet werden. Auch Geflügel wird in großer Zahl (achthundert bis tausend kleine Kücken) aufgezogen. Sie erwähnt, daß sie „bloß 6 Pferde [haben], denn die Landarbeit geht hier alle mit maschinery“. Friedrich hatte 1924 aus Clatonia (Nebraska 68328, am Clatonia Creek) berichtet, dass die Erträge beim Weizen zwischen 17 und 24 Doppelzentner je Hektar liegen, beim Hafer zwischen 14 und 22 Doppelzentner je Hektar. Auch Mais und Kartoffeln gäben gute Erträge.

Der erste Weltkrieg und seine Folgen werden in allen Briefen seit 1919 wenigstens kurz erwähnt. Friedrich schreibt im November 1919, daß er froh sei, endlich nach langem Warten etwas aus der Heimat gehört zu haben: „ Gott sei Dank das Ihr trotz allem Verlust, Kummer und Herzeleid gesund seid und den Muth nicht verloren habt, denn den Muth verlieren ist schlimmer als Credit und alles verlieren.“ Ein guter Freund aus den Vereinigten Staaten sei bei Chateau Thierry westlich von Reims gefallen. Und weiter: „Es ist eine eigentümliche Sache für uns Deutsch-Amerikaner in diesem Kriege, keine bloße Neugierde, sondern ein Gefühl für Euer Wohl & Wehe.“ Es habe „Entbehrungen aller Art und doch kein Sieg“ gegeben. Friedrich berichtet über Amerikaner, die nicht von den Engländern und Franzosen, aber von den Deutschen gut aufgenommen worden und der Meinung wären: „Sie hetten die verkehrten Leute besiegt.“ Friedrich erwähnt, dass er von den wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Deutschland weiss und bietet Hilfe an, wenn etwas gebraucht würde. Er erwähnt, dass viele Deutschstämmige aus den Vereinigten Staaten Pakete nach Deutschland an Verwandte schicken, da vor allem die Not in den Städten sehr groß sei. Die eigene Tochter Esther könne zwar Deutsch sprechen, aber nicht schreiben, da während der Kriegszeit das Schreiben und Lesen auf Deutsch in den Vereinigten Staaten verboten war.

1919 verkauft Friedrich den Bauernhof in Kansas für 24000$. Sei Sohn Herman will keine Landwirtschaft, sondern betreibt mit einem Freund einen Laden für Eisenwaren und Installationsbedarf. Friedrich selbst hat einen Saloon, wo er Bier, Wein, Apfelwein, Zigarren und Süßigkeiten verkauft. Manchmal hat er neben der Aufsicht für die kleinen Kinder viel zu tun. Manchal spielt er nur Karten. Andere Familiennachrichten über Verlobungen, Heiraten, Todesfälle,Geburten werden ausgetauscht. Friedrich schreibt in seinem letzten überlieferten Brief, dass er gern in seine Heimat käme, doch die kleinen Kinder mitzunehmen, ginge nicht. Und ohne sie halte er es nicht lange aus, sähe aber gern, wenn alle Kinder sich einmal treffen könnten. Immerhin bekommen die Deutschstämmigen in Kansas und Nebraska Nachrichten über das Hoyaer Wochenblatt, das in den Familien herumgereicht wird. So erfährt Friedrich von der Einweihung des Kriegerdenkmales.

Die Briefe von Friedrich und derjenige von Elise zeigen, wie eng der Kontakt unter den Ausgewanderten wie auch mit den Daheimgebliebenen war. Vielle hatten Heimweh und haben es doch nicht mehr in die Heimat geschafft. Schon die nächste Generation ist vielfach nicht mehr der Muttersprache ihrer Eltern mächtig und garnicht mehr in der Lage, mit der Verwandtschaft brieflichen Kontakt zu halten, zumal in Deutschland erst nach 1945 Englischkenntnisse verbreiteter zu finden waren. Der Weg in die Fremde war also für fast alle eine Reise ohne Wiederkehr. Aber für Diederich Meyer, Dietrich Dunekacke und Friedrich Hünecke ein Weg in eine wirtschaftlich gesicherte Zukunft, die sie in Deutschland nicht gehabt hätten.