Archiv für Februar 2006

Hahn führt Henne zum Nest

Freitag, 10. Februar 2006

Von Hermann Benjes

Vorausgeschickt sei, dass ich bis zu meinem 14. Lebensjahr mit Hühnern aufgewachsen bin.
Es folgten dann aber 53 völlig hühnerlose Jahre, die erst im Herbst 2004 mit der Anschaffung von vier Vorwerk-Hennen und einem Vorwerk-Hahn ihr Ende fanden. Eine Geflügelausstellung in Sulingen brachte die Entscheidung: Letzte Bedenken meiner Frau, durch die Hühner allzu gebunden zu sein, besonders im Urlaub, lösten sich beim Anblick dieser bildschönen Hühnerrasse in Wohlgefallen auf. Der Anschaffung waren natürlich etliche Maßnahmen vorausgegangen: Bau eines Hühnerstalls mit vier kuscheligen Nestern und einer schwedischen Umzäunung, die so schön geworden ist, dass Besucher darüber auch schon mal die Hühner vergessen können (siehe Foto im letzten Bickenbacher Magazin). Einschließlich Kompoststatt und Benjeshecke haben wir den Hühnern etwas über 400m2 unseres Gartens spendiert. Von Hühnern völlig kahl gescharrte Hühnerhöfe gaben den Ausschlag für dieses immergrüne Flächenangebot. Motto: Ihr sollt es bei uns so richtig gut haben. Vier Hennen und diesem Prachtkerl von Hahn beim Picken, Scharren, Hudern, Treten, Gackern, Krähen und Dösen zuzusehen, das ist Erholung pur!

Doch dann die Katastrophe: Ein bei Hühnern nicht für möglich gehaltenes Angstgeschrei ließ uns nach einer Einkaufsfahrt besorgt aus dem Auto springen. Eine Henne lag zerrissen hinter einem Stapel Holz, und daneben eine Katze, die bei unserem Eintreffen die Flucht ergriff. Erfahrene Hühnerhalter wollten uns das mit der Katze einfach nicht glauben und tippten eher auf Habicht mit der Katze als Resteverwerter. Dieses Schockerlebnis führte zu dem Entschluss, sofort mit dem Bau einer Voliere zu beginnen, um die Hühner während unserer Abwesenheit vor Habicht, Katze oder Fuchs optimal schützen zu können.

Nach drei Tagen harter Arbeit war die Voliere natürlich noch nicht ganz fertig, also konnte die Katze ein weiteres Mal zuschlagen. Entsetzt haben wir die beiden verbliebenen Hennen und den Hahn im Stall eingesperrt und nur noch in unserem Beisein herauszulassen gewagt. Dann aber zeigte sich, dass es tatsächlich die Katze war, die offenbar von Hunger getrieben jegliche Vorsicht fahren ließ und sich sogar in unserer Anwesenheit an die laut schreienden Hühner heranzuschleichen versuchte. Eine inzwischen installierte Lebendfalle, bei Raiffeisen für 5 Euro pro Woche ausgeliehen, wurde noch schnell mit frischem Katzenfutter so in Stellung gebracht, dass die Katze auf ihrem Weg zu den Hühnern daran vorbei kommen musste. Ich wollte gerade ins Haus rennen, um den Jagdpächter anzurufen, da rief meine Frau mir hinterher: „Sie ist drin!“ Damit war dieses Problem offenbar ein für alle Mal gelöst.
Ein Vorwerk-Züchter aus dem nur 11 km entfernten Bücken verkaufte uns zwei seiner wunderschönen Vorwerk-Hennen für schlappe 20 Euro, und auf unserem Altersruhesitz in Hohenmoor kehrten langsam wieder Harmonie und Ruhe ein.

Auf das erste Ei mussten wir vier Wochen warten. Aber dann ging es langsam los, und heute legen unsere Hennen, dass es nur so kracht! Zwei, drei und immer öfter sogar vier Eier pro Tag! Meiner Frau fiel eines Tages auf, dass der Hahn Caruso die Henne Laura zu einem der vier Nester führte. Die anderen Hennen (Ronja, Hermine und Olga) werden auf ihrem Weg zu den Nestern jedoch nicht begleitet. Offenbar erkennt Caruso bei Laura die Absicht bzw. das Legebedürfnis der Henne rechtzeitig und geht dann immer schnellen Schrittes voran, um noch vor Laura das von ihr hartnäckig bevorzugte linke Nest zu erreichen – und setzt sich ausgerechnet da hinein (siehe Foto von Greta Benjes)! Anstatt sich nun aber in das genau so kuschelige Nest daneben zu setzen, klettert Laura über den Hahn hinweg und lässt nicht locker, bis sie ihn unter lautem Protestgeschrei herausgeekelt hat.

Caruso räumt erst nach längerer Bedenkzeit und auch nur widerwillig das Nest – bleibt aber auf der Sitzstange direkt davor so lange sitzen, bis die Henne ihr Ei gelegt hat. Anschließend hüpfen beide von der Stange, eilen gemeinsam in den Hühnerhof und tun so als wäre nichts geschehen. Während des Krieges schickte mich meine Mutter immer sofort in den Stall, wenn eine Henne durch lautes Gackern die frohe Botschaft einer Eiablage erschallen ließ. Unsere Vorwerk-Hennen legen dagegen in aller Stille. Das ist einer der wenigen Nachteile, die ich bei dieser Hühnerrasse bisher entdecken konnte. Für eine Wohnsiedlung, in der zunächst der krähende Hahn und anschließend das „ruhestörende“ Gackern der Hennen vor dem Amtsgericht landen, mag das lautlose Legen ein nutzbarer Vorteil sein. Mir fehlt das Gackern, weil es mich an dunkle Zeiten erinnert, die durch Eier immer wieder aufgehellt werden konnten. Wer schon mal versucht hat, Pfannkuchen ohne Eier zu backen, der weiß, wovon ich rede.

Höhepunkt eines jeden Tages ist bei uns die nachmittägliche Weichfuttergabe. Das von meiner Frau aus Essensresten (Brotbrocken, Soße, Nudeln, Reis, kleingehackter Vogelmiere, Haferflocken, Pellkartoffeln, Eierschalen und etwas Wasser) zusammengerührte Weichfutter lässt bei den Hühnern einen an ausgehungerte Schweine erinnernden Appetit zu Tage treten, der sich bei Olga regelmäßig bis zur Verfressenheit steigert. Mit beiden Beinen in der leckeren Pampe stehend (kann durch Fotos belegt werden) versucht dieses Huhn, sich den Löwenanteil zu sichern. Die anderen Hennen lassen sich das bieten. Und Caruso? Der wendet sich angewidert ab und geht seiner Wege.