Archiv für September 2007

Historische Gaststätten

Mittwoch, 12. September 2007

menke1912_005.jpg

Ein Bericht von Fredi Rajes

Historische Gaststätten
Gasthaus Menke in Altenfelde.

Heute kaum noch bekannt ist, dass auch im Ortsteil Altenfelde bis zum Jahre 1934 eine Gastwirtschaft angesiedelt war. Eine Gastwirtschaft abseits der Bundesstraße, abseits der Eisenbahn – und nicht, wie das Gasthaus Klinker in Arbste als Fahrkartenschalter oder für Durchreisende gebaut, sondern für die Bewohner des Dorfes eingerichtet. Eine Gastwirtschaft für den Ort Altenfelde – für das Dorf im Allgemeinen. Das Dorf, welches zu früherer Zeit noch einen ganz anderen Stellenwert hatte als heute. Auf dem Dorf – und das gilt nicht nur für Altenfelde – war bis ins 20. Jahrhundert hinein die soziale Kontrolle als wichtiges Steuerungsinstrument immer vorhanden. Daher war zu früherer Zeit ein Dorfbewohner gut beraten, wenn er Zwistigkeiten mit seinem Nachbarn selbst schlichtet, anstatt nach der Polizei zu rufen. Wenn erst die Polizei kommen musste, wurde es ein ernstes Problem, welches vielleicht nie gelöst werden konnte. Auf dem Dorf gibt es die soziale Kontrolle aus zweierlei Gründen. Der erste Grund ist, dass die Menschen aneinander interessiert sind. Sie möchten ständig wissen, was in ihrer Umgebung passiert. Der zweite Grund ist die Sicherheit. Ohne soziale Kontrolle wäre es auf dem Lande sehr gefährlich. Durch die geringe Bevölkerungsdichte wäre hier ein geeigneter Ort für alle Arten unerwünschter Aktivitäten wie Einbruch, Waffenlagerung und Mord. Funktionierende soziale Kontrolle dagegen bedeutet, dass immer und überall Augen sind. Die Kombination aus diesen zwei Gründen – Interesse und Sicherheit – sorgt für eine funktionierende soziale Kontrolle. Dank dieser Kontrolle können auch Menschen, die nicht für sich selbst sorgen können, noch innerhalb der Gesellschaft leben. Jemand hat ein Auge auf sie, manchmal wird ein wenig geholfen, und so müssen sie nicht in eine Pflegeeinrichtung gehen. Soziale Kontrolle kann das Leben erträglicher machen. Im 19. und noch stärker im 20. Jahrhundert setze ein Widerstand gegen diese soziale Kontrolle ein. Diese Entwicklung ging nicht vom Dorf aus, sondern sie wurde von den Zuzügen ins Dorf getragen. Die Zugezogenen legten andere Werte an und hatten eine andere Lebensart. In einer schnellen Entwicklung der Wirtschaft, Organisation, Individualisierung, Mobilität, Spezialisierung und Wissenschaft war dann kein Platz mehr für die typischen Qualitäten einer Dorfgemeinschaft. Typisch für das dörfliche Gemeinschaftsleben sind weiterhin neben Brauchtum und Vereinswesen die nachbarschaftlichen Beziehungen. Diese standen früher ganz im Zeichen gegenseitiger Hilfe, Information und gegenseitiger Kontrolle. Bei der dörflichen Abgeschiedenheit, bei dem noch nicht so ausgebauten System des Versicherungswesens und bei dem Aufeinanderangewiesensein in vielen landwirtschaftlichen Belangen war Nachbarschaftshilfe unbedingt erforderlich. Das enge Zusammenleben, der regelmäßige Umgang miteinander, das gemeinsame Feiern führten dazu, dass man sich gegenseitig genau kannte und das kaum etwas der Allgemeinheit verschwiegen blieb. Mit der oben geschilderten Änderung der Lebensverhältnisse, mit der Öffnung des Dorfes nach Außen lockerten sich diese engen Bindungen. Man war zum Teil nicht mehr aufeinander angewiesen, und man fand neue Bekannte und Freunde außerhalb des Dorfes. War der Pflege solcher auswärtigen Beziehungen früher durch die zu Fuß zu bewältigenden Strecken enge Grenzen gesetzt, so lassen sich heute mit dem Auto selbst große Entfernungen überbrücken. Das Leben im Dorf begann anonymer zu werden. Dauerte es früher nur wenige Wochen, bis man einen Neubürger genau kannte, so leben heute Familien im Dorf, von denen viele kaum den Namen wissen. Auch unter den Alteingesessenen hat der nachbarschaftliche Verkehr nachgelassen. Sinnreiches Zeichen dafür sind auch die verschlossenen Haustüren und die Hausklingeln, die heute fast an jedem Haus zu bemerken sind. Beides gab es früher so gut wie gar nicht. Sie stellen ein Schwelle dar im ungezwungenen gegenseitigen Besuchen. Es ist heute nicht mehr so einfach ohne Grund ein Nachbarhaus zu betreten. Die Gaststätte als Institution auf dem Dorf hatte früher die Funktion des Alkohollieferanten, das heißt in Norddeutschland u.a. von Bier. Den Dorfgaststätten war es strengstens verboten, eigenes Bier zu brauen. An die Baulichkeiten von Dorfgaststätten wurden früher nur geringe Anforderungen gestellt, allein ein Keller wurde für notwendig erachtet. Abgesehen von diesem Bauteil unterschied sich die Dorfgaststätte bis zur Jahrhundertwende nicht von den umliegenden Gebäuden und wurde ausschließlich im Nebenerwerb betrieben. Das Gasthaus Menke in Altenfelde fügte sich in das übliche Ortsbild ein und unterschied sich von den umliegenden Häusern insbesondere durch ein Gasthauszeichen. Auch ist es nachgewiesen, dass zwischen dem Aussehen der Gaststube und dem Wohnzimmer seiner Besucher grundsätzlich eine große Ähnlichkeit bestand. Diesem Grundsatz entsprechend war die Gaststube denkbar einfach. Die Einrichtungsgegenstände, die wir heute mit einer Gaststätte in Verbindung bringen, wie Tresen und Wandschrank, kamen erst um die Jahrhundertwende 19. zum 20. Jahrhundert auf. Der Tresen setzte sich als zentraler Einrichtungsgegenstand einer Gaststube zunächst in England in den Großstadt-Kneipen durch. Spätestens nach 1900 war er schließlich auch in den Dorfgaststätten Norddeutschlands zu finden. Er versinnbildlicht die zunehmend kommerzielle Entwicklung der Gaststätten allein schon dadurch, dass sich jetzt ein Gegenstand in der Gaststube befand, der mit Sicherheit in keinen Privaträumen zu finden war. Der Tresen, hervorgegangen aus einem Ladentisch, verlieh der Gaststube den spezifischen Charakter, der sie von allen anderen Räumen unterschied. Während die Gaststube bis ins 19. Jahrhundert nicht unbedingt ein gesonderter Raum, sondern im Flett untergebracht war, werden nun gesetzliche Richtlinien festgesetzt. So musste laut der Baupolizeiordnung von 1886 die Gaststube eine Mindestgröße von 25 Quadratmetern aufweisen. Neben dem Herzstück einer Gaststätte, der Gaststube, wurde in den Dorfgaststätten im19. Jahrhundert häufig noch eine weitere Gaststube eingerichtet, die nur für bestimmte Gruppen vorgesehen ist, das Club- oder Vereinszimmer. Gaststube und Vereinszimmer unterschieden sich voneinander in erster Linie durch die Größe. Das Vereinszimmer war in der Regel ein Drittel größer als die Gaststube, d.h. im Durchschnitt ungefähr 33 Quadratmeter groß. Oftmals befand sich im Vereinszimmer ein Sofa, während in der Gaststube nur Tische und Stühle vorhanden waren. Das Club- und Vereinszimmer war räumlicher Ausdruck der neuen dörflichen Gruppierungen, der Vereine und Verbände. Da diese auch Feste veranstalteten, brauchte es auf dem Dorf größere Festräumlichkeiten, als dies bisher die Diele eines Bauernhauses bieten konnte. Die Gastwirte bauten in vielen Fällen einen Tanzsaal. Obwohl die Dorfbewohner auch schon vor dem 19. Jahrhundert viel getanzt haben, war der Tanzsaal eine Neuerung der Jahrhundertwende. So heißt es in den Lebenserinnerungen eines norddeutschen Bauern, der hier aus unserem Gebiet stammt: “Beim Tanzen hieß es sprichwörtlich: Am Pferdestall herauf, am Kuhstall herunter, beim Wassersteine ist die Schenke.“ Die Gastwirtschaft Menke in Altenfelde wurde von Hermann Menke, dem Großvater der heute noch in Altenfelde auf dem Hof Roselius lebenden Anita Roselius geb. Menke, eröffnet. Der Schankbetrieb wurde neben der bereits existierenden Landwirtschaft betrieben. In der Chronik des Schützenvereins Haendorf ist nachzulesen, dass in den Gastwirtschaften des Ortes Haendorf die Schützenversammlungen in den vorhandenen Gaststätten stattfanden. Erwähnt sind dort neben der Gaststätte Marquard in Haendorf, die Gaststätte Meyer ( früher Goldmann und davor Buchholz) und auch die Gastwirtschaft Menke als Versammlungslokal. Im Jahr 1934 erfolgte die Schließung des Schankbetriebes, weil kein Nachfolger vorhanden war. Der Sohn des Gründers fühlte sich als Gastwirt nicht geeignet und die Enkeltochter, der die Nachfolge kurz vor Ihrem 10. Geburtstag angetragen wurde, war einfach zu jung um solch einen Betrieb zu übernehmen. Somit blieb dem Gründer nur noch die Abmeldung der Konzession. Aber auch nach der Schließung der Gastwirtschaft – so wird berichtet – fanden in Menkes Gasthaus noch Veranstaltungen statt. Die „Dörfler“ feierten Ihre doch so beliebten „Holschenbälle“ weiterhin – auch nach dem 2. Weltkrieg –auf der Diele des ehemaligen Gasthauses Menke.