Archiv für September 2015

Hier der ungekürzte Bericht „Erlebnisse aus der Jugendzeit unseres Nachkriegsbürgermeisters“ aus Heft 41 Asendorf.info

Montag, 7. September 2015

Begegnung amPastorenknick

Johann Gräpel wurde am 14. 12.
1894 geboren und ist in Steinborn
aufgewachsen. Nach seinem Tod am
27. 12. 1993 fanden die Nachkommen
neben seinem handschriftlich ge-
führten Kriegstagebuch aus dem Ers-
ten Weltkrieg auch viele andere alte
Erinnerungsstücke. Hierzu gehörten
auch von ihm notierte Jugenderleb-
nisse, die er oft in plattdeutsch auf-
geschrieben hat. Wegen der besseren
Lesbarkeit haben wir sie ins Hoch-
deutsche übertragen.

Eine Geschichte davon soll hier wiedergegeben werden – es geht um ein Erlebnis, welches er auf dem Weg zur Schule hatte:
„Es war im Herbst 1908 – ich ging das letzte Jahr zur Asendorfer Schule. Auf Grund der Jahreszeit war es noch ein klein wenig dunkel an diesem Morgen. Mein Schulweg führte, wie an jedem Tag, an der Hecke des Pastorenhauses entlang. Genau hier kam mir ein Mann mit einem Fahrrad entgegen. Er schob dieses Rad. Da wir uns auf einem schmalen Pfad begegneten, musste er dicht an mir vorbei. Zu der Zeit führte dort noch keine breite Straße entlang. Es gab nur diesen Padweg (Fuß- und Radweg) und davon durch dicke Pfähle abgetrennt den Weg für Fuhrwerke. Die dicken Pfähle verhinderten hierbei, dass Fuhrwerke den Padweg beschädigten. Als dann der Mann mit seinem Fahrrad an mir vorbei war, blieb ich stehen und schaute mich zu ihm um. Ob er dies bemerkt hatte oder auch nicht, sei dahin gestellt. Auf jeden Fall blieb auch er stehen und drehte sich so halb nach mir um. Dadurch war es mir möglich, sein Gesicht länger zu sehen und mir einzuprägen, wie er angezogen war. Denn zu der Zeit war es ungewöhnlich einem fremden Mann hier im Ort mit einem Fahrrad anzutreffen, welches dann auch noch von ihm geschoben wurde. Besitzer eines Fahrrades zu sein, war in der damaligen Zeit außergewöhnlich und etwas ganz besonderes. Nur wenige aus dem Ort konnten ein Fahrrad ihr eigen nennen.
Als ich in der Schule ankam, erzählte ich mein gerade gesehenes und erlebtes den Klassenkameraden. Von denen konnte ich dann noch mehr erfahren – denn sie hatten bereits gehört, dass in Asendorf ein Fahrrad gestohlen und die Polizei bereits informiert worden war. Sie suchte den Fahrraddieb bereits.
Am nächsten Tag, wieder in der Schule, machte die Meldung die Runde, wonach die Polizei einen Mann festgenommen hat, den sie des Diebstahls verdächtigte. Auch meine Begegnung am Vortag, wobei ich den Fahrraddieb womöglich gesehen hatte, war der Polizei bekannt geworden. Während der dritten Schulstunde klopfte es dann plötzlich an der Klassentür. Unser Schulmeister Ehlers öffnete die Tür, trat hinaus und sprach mit einer Person auf dem Flur. Als unser Schulmeister Ehlers wieder ins Klassenzimmer trat, sprach er: „Johann, du musst mal rüber gehen. Im Gasthaus Hoopmann wartet jemand auf der Diele auf dich. Der möchte sich mit dir unterhalten.“ Im ersten Moment war ich erschrocken und wusste nicht welchen Grund das haben sollte. Trotzdem ging ich, wie mir befohlen, rüber zum Gasthaus Hoopmann. Auf der Diele erwartete mich der Polizist – oder wie wir damals sagten, der Gendarm aus Hoya. Er befragte mich nach dem Mann, den ich mit dem Fahrrad schiebend gesehen hatte. Ich konnte ihm präzise Auskunft geben. Schilderte ihm genau, was ich gesehen hatte, beschrieb ihm detailiert das Gesicht des Mannes, was der Mann angehabt hatte und wie seine Hose auffällig gestreift war. Ich merkte, dass der Gendarm mit meiner Aussage sehr zufrieden war. Scheinbar passte meine Aussage genau zu dem Mann, den er festgenommen hatte. Er ließ nicht unerwähnt, dass wir mit der Post noch eine Vorladung ins Gericht nach Hoya bekommen würden. Dort müsste ich alles noch einmal dem Richter erzählen. Nachdem der Gendarm alles notiert hatte, forderte er mich auf, jetzt wieder in den Unterricht zu gehen. Wieder zurück im Klassenraum wollten natürlich alle Mitschüler von mir wissen, was denn da auf der Diele von Hoopmanns Gasthaus gewesen war. Ich erzählte von meinem Gespräch mit dem Hoyaer Gendarm und von der Aussicht noch ins Gericht nach Hoya zu müssen.

Tatsächlich bekamen wir einige Wochen später einen Brief mit der Aufforderung, zum Gerichtstermin beim Amtsgericht in Hoya zu erscheinen. Am Tag der Gerichtsverhandlung musste ich bereits früh aufstehen. Von der Schule war ich an diesem Tage befreit. Zusammen mit meinem Opa trat ich die Bahnfahrt von Asendorf nach Hoya an. Die Freude über die Bahnfahrt war auf meiner Seite. War doch bisher die längste Bahnfahrt bis Vilsen und zum Brokser Markt gewesen. Diesmal ging es bis nach Hoya! Im Zug saßen wir nicht allein. Es waren noch weitere Personen im Zug, Körmanns Mutter – die Gastwirtin, Lüllmanns Vater – der Schuhmachermeister, der Bahnschaffner Schröder und der Bahnhofswirt Hasselbrack. Alle hatten eine Aufforderung vom Gericht erhalten. Auf der Bahnfahrt entwickelte sich eine rege Unterhaltung unter den Erwachsenen. Alles dreht sich darum, was bei der Gerichtsverhandlung wohl rauskommt. Ob der Dieb verurteilt wird, ob und wie lange er ins Gefängnis muss – viele Spekulationen machten die Runde.
Als wir in Hoya ankamen, hatten wir noch eine Stunde Zeit bis zum Gerichtstermin. Die wurde genutzt, um im Wirtshaus Thies in Hoya zu frühstücken. Nach dieser Stärkung gingen alle gemeinsam über die Weserbrücke zum Amtsgericht. Hier warteten wir auf dem Flur, vor dem Gerichtszimmer. Ein Gerichtsdiener lief über den Flur, sprach meinen Opa an, den er scheinbar kannte und fragte ihn: „Wat mauckst du denn hier? Och – de Junge is dorbie – wat het de denn utfreten?“ Mein Opa hat ihn dann erst einmal über den Sinn und Zweck unserer Anwesenheit aufgeklärt.
Inzwischen öffnete sich die Tür zum Gerichtszimmer und der erste von uns wurde aufgerufen.
Nach und nach wurden alle aufgerufen – ich war als letzter Zeuge dran. Ich musste mich vor den Richtertisch, der eine Stufe höher war, hinstellen und hatte in meinem Blickfeld auch den Angeklagten. Es war der Mann, den ich seinerzeit an der Pastorenhecke mit dem Fahrrad gesehen hatte. Der Richter gab mir vorweg eindringlich zu verstehen, dass ich vor Gericht die Wahrheit sagen muss. Wenn ich allerdings die Unwahrheit sage, ich selbst ins Gefängnis kommen kann. Das hatte ich verstanden und danach ging die Befragung los. Alle Fragen des Richters beantwortete ich wahrheits gemäss. Er war sichtlich zufrieden mit meiner Aussage. Weitere Zeugen waren nicht vorhanden, so zog sich das Gericht zur Beratung ins Richterzimmer zurück. Es dauerte eine ganze Weile bis wir wieder ins Gerichtszimmer gerufen wurden. Jetzt verkündete der Richter das Urteil. Der Angeklagte wurde für schuldig befunden wegen Fahrraddiebstahl, Hausfriedensbruch und Widerstand gegen die Staatsgewalt. Er wurde mit Gefängnis bestraft und sogleich nach der Urteilsverkündung abgeführt.
Nachdem mein Opa dann noch vom Gerichtsdiener die Auslagen für Bahnfahrt und Frühstück erhalten hatte, traten wir die Heimfahrt mit der Einsenbahn an. Erst spät am Abend trafen wir wieder in Asendorf ein. Damit ging ein aufregender Tag zu Ende. Die Erlebnisse im Gericht musste ich noch oft erzählen. Meine Klassenkameraden meinten sogar, dass ich sicherlich eine ordentliche Belohnung vom Gericht bekommen hätte – aber mit einer Belohnung war da nichts – nur unsere Auslagen waren ersetzt worden.
Vielleicht waren diese Erlebnisse Ursprung und Auslöser dafür, dass ich als Erwachsener Bürger lange Zeit als Schöffe im Gericht mitgewirkt habe.“

Eine Erzählung von Johann Gräpel