Hier der ungekürzte Bericht „Unsere Amerikafahrer Teil 2“ aus Heft 40 Asendorf.info

Im August 1973 besuchte Friedrich Dunekacke Asendorf, das er im Juli 1923 zusammen mit seinen Eltern, Dietrich Dunekacke und Sophie Mahlstedt, und seinen vier jüngeren Geschwistern in Richtung Vereinigte Staaten verlassen hatte. Dietrich Dunekacke mußte seinem Schwager auf der Pachtstelle weichen und sah in der Inflationszeit keine Auskommensmöglichkeiten in Asendorf und Umgegend. Wie viele andere Deutsche hatte sich die Familie Dunekacke in Nebraska – zunächst bei einem Onkel, Friedrich Meyer – angesiedelt, um dort Landwirtschaft zu betreiben. Schon nach sechs Jahren bewirtschaftete die Familie erfolgreich eine eigene Farm mit etwa 160ha Fläche. Friedrich hatte bereits 1941 in Elk Creek (NE 68348) selbst eine Farm mit etwa 130ha. Neben der Rindermast wurden Weizen und Mais angebaut. In Elk Creek hatten sich im übrigen schon Ende des 19. Jahrhunderts Deutsche angesiedelt (Johann Hermann Antholz, geb. 1856 in Graue), wie die Grauer Dorfchronik von Heinrich Meinke und Rudolf Haseler (Seite 56) ausweist.

Friedrich heiratete Ende der 40er Jahre die ebenfalls deutschstämmige Laura Lillich, mit der ein brieflicher Kontakt bis zu ihrem Tode bestand. Auf dem Foto aus der damaligen Kreiszeitung vom 16. August 1973 ist Hartmut Mahlstädt zu sehen, der Sohn von Hilde und Heinrich Mahlstädt, die diesen Zeitungsausschnitt und die Erinnerungen daran aufgehoben haben. Hilde und Hartmut Mahlstädt haben noch Kontakt zu den Kindern, aber nicht regelmäßig. Friedrich hatte drei Söhne: Tom, Bob und Joel. Joel war noch 2006 in Deutschland. Der jüngste Bruder von Friedrich, Arnold, hat eine Tochter, Jane, die sogar für ein Jahr in Deutschland zur Ausbildung war. Sie schreibt regelmäßig und war nicht nur einmal in Deutschland. Ob diese familiären Kontakte in die nächste Generation weitergetragen werden, bleibt offen.

Friedrich Hünecke war bereits vor dem ersten Weltkrieg in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Bei Dietrich Thies aus Brebber, dessen Großmutter Sophie eine Schwester Friedrichs war, sind fünf Briefe von Friedrich Hünecke und einer seiner Schwester Elise nach Friedrichs Tod 1928 erhalten, die zwischen 1911 und 1928 an die Verwandten in der Heimat geschrieben wurden. Sie sind nicht nur Dokumente der engen Verbundenheit mit Familie und Heimat, sondern auch der Loyalitätsprobleme, die die deutschstämmigen Amerikaner im ersten Weltkrieg hatten, ein Problem, das wir auch aus heutigen Tagen bei Migranten in Deutschland gut kennen.

In seinem ersten Brief aus Vassar (Kansas 66543 am Pamona Lake) vom 24.Februar 1911 schreibt Friedrich: „ Eure Briefe haben wir erhalten, und wenn Ihr denkt daß wir uns dazu nicht freuen, dann seidt Ihr schief gewickelt.“ Er bedauert, dass noch kein Foto von der Familie geschickt worden ist und dass nur Briefe die neuesten Nachrichten aus der Heimat bringen. Er hat schon ein Telefon, ahnt aber, dass in Deutschland so etwas nicht so schnell zur Verfügung stehen wird.

Sein Verwandter Willy hat wohl seinen Hof in seinem vorherigen Brief beschrieben. Daher schildert Friedrich ausführlich seinen Viehbestand: 48 fette Schweine (100-120kg schwer), deren jedes etwa 100$ oder 60 Reichsmark wert sei, 12 Sauen mit 32 Herbstferkeln, 10 Pferde und zwei Maulesel, 36 Kühe und einige Ochsen, außerdem Kleinvieh. Für deutsche Verhältnisse zur damaligen Zeit ein großer landwirtschaftlicher Betrieb. Elise berichtet im letzten erhaltenen Brief aus Offerle (Kansas 67563) 1928 von der Landwirtschaft, davon daß über 200ha Weizen bewirtschaftet, daß Rinder, aber keine Schweine gemästet werden. Auch Geflügel wird in großer Zahl (achthundert bis tausend kleine Kücken) aufgezogen. Sie erwähnt, daß sie „bloß 6 Pferde [haben], denn die Landarbeit geht hier alle mit maschinery“. Friedrich hatte 1924 aus Clatonia (Nebraska 68328, am Clatonia Creek) berichtet, dass die Erträge beim Weizen zwischen 17 und 24 Doppelzentner je Hektar liegen, beim Hafer zwischen 14 und 22 Doppelzentner je Hektar. Auch Mais und Kartoffeln gäben gute Erträge.

Der erste Weltkrieg und seine Folgen werden in allen Briefen seit 1919 wenigstens kurz erwähnt. Friedrich schreibt im November 1919, daß er froh sei, endlich nach langem Warten etwas aus der Heimat gehört zu haben: „ Gott sei Dank das Ihr trotz allem Verlust, Kummer und Herzeleid gesund seid und den Muth nicht verloren habt, denn den Muth verlieren ist schlimmer als Credit und alles verlieren.“ Ein guter Freund aus den Vereinigten Staaten sei bei Chateau Thierry westlich von Reims gefallen. Und weiter: „Es ist eine eigentümliche Sache für uns Deutsch-Amerikaner in diesem Kriege, keine bloße Neugierde, sondern ein Gefühl für Euer Wohl & Wehe.“ Es habe „Entbehrungen aller Art und doch kein Sieg“ gegeben. Friedrich berichtet über Amerikaner, die nicht von den Engländern und Franzosen, aber von den Deutschen gut aufgenommen worden und der Meinung wären: „Sie hetten die verkehrten Leute besiegt.“ Friedrich erwähnt, dass er von den wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Deutschland weiss und bietet Hilfe an, wenn etwas gebraucht würde. Er erwähnt, dass viele Deutschstämmige aus den Vereinigten Staaten Pakete nach Deutschland an Verwandte schicken, da vor allem die Not in den Städten sehr groß sei. Die eigene Tochter Esther könne zwar Deutsch sprechen, aber nicht schreiben, da während der Kriegszeit das Schreiben und Lesen auf Deutsch in den Vereinigten Staaten verboten war.

1919 verkauft Friedrich den Bauernhof in Kansas für 24000$. Sei Sohn Herman will keine Landwirtschaft, sondern betreibt mit einem Freund einen Laden für Eisenwaren und Installationsbedarf. Friedrich selbst hat einen Saloon, wo er Bier, Wein, Apfelwein, Zigarren und Süßigkeiten verkauft. Manchmal hat er neben der Aufsicht für die kleinen Kinder viel zu tun. Manchal spielt er nur Karten. Andere Familiennachrichten über Verlobungen, Heiraten, Todesfälle,Geburten werden ausgetauscht. Friedrich schreibt in seinem letzten überlieferten Brief, dass er gern in seine Heimat käme, doch die kleinen Kinder mitzunehmen, ginge nicht. Und ohne sie halte er es nicht lange aus, sähe aber gern, wenn alle Kinder sich einmal treffen könnten. Immerhin bekommen die Deutschstämmigen in Kansas und Nebraska Nachrichten über das Hoyaer Wochenblatt, das in den Familien herumgereicht wird. So erfährt Friedrich von der Einweihung des Kriegerdenkmales.

Die Briefe von Friedrich und derjenige von Elise zeigen, wie eng der Kontakt unter den Ausgewanderten wie auch mit den Daheimgebliebenen war. Vielle hatten Heimweh und haben es doch nicht mehr in die Heimat geschafft. Schon die nächste Generation ist vielfach nicht mehr der Muttersprache ihrer Eltern mächtig und garnicht mehr in der Lage, mit der Verwandtschaft brieflichen Kontakt zu halten, zumal in Deutschland erst nach 1945 Englischkenntnisse verbreiteter zu finden waren. Der Weg in die Fremde war also für fast alle eine Reise ohne Wiederkehr. Aber für Diederich Meyer, Dietrich Dunekacke und Friedrich Hünecke ein Weg in eine wirtschaftlich gesicherte Zukunft, die sie in Deutschland nicht gehabt hätten.

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